Stiftung Bruno Kreisky Archiv: Erinnerungsort Wien
home
Inhalt
Das Projekt
Dokumente
Bibliographie
Links
Kontakt
Wirtschaft und Aufbau › Verstaatlichung/USIA
• Aufbauhilfen, ERP
• Verstaatlichung/USIA
• Löhne und Preise
• Internationale Integration

Aufbauend auf den von Karl Renner formulierten Wirtschaftstheorien, war die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien seit Beginn der Ersten Republik ein wichtiges Ziel der österreichischen Sozialdemokratie. Mit Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich ein Großteil der auf die Kriegswirtschaft ausgerichteten Industrieunternehmungen sowie auch die Großbanken in deutschem Eigentum. Um diese zentralen Wirtschaftsbereiche unter österreichischem Einfluss zu halten und vor dem Zugriff der Alliierten, vor allem der Sowjetunion, zu schützen, einigten sich die österreichischen politischen Kräfte bereits 1946 auf ein Verstaatlichungsgesetz. Mit dem Beschluss vom 26. Juli gingen die drei größten Banken (CA, Länderbank und Österreichisches Credit-Institut), die im Dritten Reich von deutschen Großbanken übernommen worden waren, sowie ein Großteil der Metall- und Erdölindustrie nominell in Staatsbesitz über.


Staatsbetriebe rund um Wien bleiben unter sowjetischer Kontrolle

Während die verstaatlichte Industrie in den von den Westalliierten besetzten Zonen schnell eine wichtige Rolle im Wiederaufbau der österreichischen Wirtschaft übernehmen konnte (die Schwerindustrie profitierte am stärksten von den US-amerikanischen Marshall-Plan-Mitteln), blockierte die sowjetische Besatzungsmacht die Umsetzung des Verstaatlichungsgesetzes. Das bedeutete, dass vor allem die in der deutschen Kriegswirtschaft hoch entwickelte Erdölindustrie Ostösterreichs unter Kontrolle der sowjetischen USIA-Verwaltung blieb und erst 1955, nach Abzug der Besatzungstruppen, in die verstaatlichte Industrie eingegliedert werden konnte.


Die Verstaatlichte als Stützpfeiler der Nachkriegswirtschaft

Nach Abschluss des Staatsvertrages war die "westliche" Verstaatlichte grundsätzlich konsolidiert und modernisiert, während die von der USIA übernommenen Unternehmen mit veralterter Maschinerie und einer katastrophalen Bilanz zu kämpfen hatten.
Da die Verstaatlichung und "Planung" der Wirtschaft eine zentrale Forderung der österreichischen Arbeiterbewegung nach 1945 war – was in sozialdemokratischen Plakaten und Wandzeitungen der unmittelbaren Nachkriegszeit besonders deutlich wird –, nahm dieser Wirtschaftszweig eine herausragende Bedeutung in der österreichischen Nachkriegswirtschaft ein. Die verstaatlichten Unternehmungen mussten nicht den gleichen marktwirtschaftlichen Gesetzen gehorchen wie die Privatwirtschaft, wodurch die von der ÖIAG verwalteten Unternehmen lange Zeit eine Vorreiterrolle bei der Lohn- und Arbeitsplatzpolitik einnahmen und so zu einer Triebkraft des Wirtschaftsaufbaus und der Sozialpartnerschaft wurden.

Druckversion drucken

Valid XHTML 1.0 Transitional

Pop-ups:
Marshall-Plan: Das European Recovery Program (ERP) wurde nach seinem Initiator, dem US-Außenminister George C. Marshall, auch "Marshall-Plan" genannt. Mit der Abwicklung in den USA war die ECA (Economic Cooperation Agency) betraut. Mit der Koordination in Europa befasste sich die OEEC (Organisation for European Economic Cooperation, seit 1961: OECD – Organisation for Economic Cooperation and Development) mit Sitz in Paris. Die Konvention der OEEC wurde am 16. April 1948 von den 17 westeuropäischen Staaten, die am europäischen Wiederaufbauprogramm der USA teilnahmen, und den beiden assoziierten Mitgliedern Kanada und USA unterzeichnet.

Sozialpartnerschaft: Die Sozialpartnerschaft ist ein zentrales Element der so genannten österreichischen "Konsensdemokratie". Obwohl sie eine prägende Institution der Zweiten Republik war und teilweise immer noch ist, ist sie doch verfassungsrechtlich nicht verankert, besteht also auf freiwilliger Basis.
Den Beginn machte die Gründung der Kammer für Arbeiter und Angestellte 1921 als Gegenstück zur bereits bestehenden Handelskammer. Schon bei der Gründung war vorgesehen, dass die AK mit anderen Vertretungskörperschaften Ausschüsse bilden sollte, um gemeinsame Anliegen zu behandeln.
Im Wesentlichen bedeutet "Sozialpartnerschaft" die Zusammenarbeit von Regierung, Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen. Hier werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit und nach dem Einstimmigkeitsprinzip Abmachungen über die Lohnentwicklung getroffen, wodurch Arbeitskämpfe verhindert werden und der soziale Frieden gewahrt bleiben soll.
Den Anfang der Sozialpartnerschaft machten die fünf Lohn- und Preisabkommen zwischen 1947 und 1951.
Auslöser dafür war der starke Anstieg der Lebenshaltungskosten. So stiegen die Lebensmittelpreise zwischen April und Juni 1947 um 83%, während die Löhne nur um 20% angehoben wurden.
In der daraufhin gegründeten Wirtschaftskommission arbeiteten erstmals die Interessenvertretungen von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite zusammen. Die Kommission hatte zum Ziel, die Wirtschaft zu beobachten und der Regierung Vorschläge zu unterbreiten, die die Löhne und Preise stabil halten und die Inflation kontrollieren sollten.
Nachdem der Nachfolger der Wirtschaftskommission, das Wirtschaftsdirektorium, 1952 vom Verfassungsgerichtshof aufgelöst wurde und ein sozialpartnerschaftliches "Vakuum" herrschte, wurde 1957 die Paritätische Kommission gegründet, in der neben den Interessenvertretungen (Arbeiterkammer, ÖGB, Landwirtschaftskammer und Bundeswirtschaftskammer) der Bundeskanzler, der Innenminister und der Minister für Handel und Wiederaufbau vertreten waren.
Obwohl die Kommission nur Vorschläge unterbreiten kann, ist ihr Einfluss bedeutend: Da die Interessenvertretungen in Österreich eng mit den beiden großen Parlamentsparteien verknüpft sind, ergaben sich zwischen Regierungsmitgliedern, Interessenvertretern und Nationalratsabgeordneten stets personelle Überschneidungen, sodass die Vorschläge der Sozialpartner rasch in entsprechende Gesetze und Verordnungen übernommen wurden.
Stiftung Bruno Kreisky Archiv, Rechte Wienzeile 97, A-1050 Wien
Tel.: +43 /1/ 545 75 35 / 32, Fax: +43 /1/ 545 30 97, e-mail: archiv@kreisky.org