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Betriebsbesichtigungen als Form politischer Kommunikation

Der persönliche Kontakt von Politikerinnen und Politikern mit der Bevölkerung ist neben (Wahl)Plakaten ein Schlüsselinstrument der politischen Kommunikation einer Partei. Bei Wahlen gilt die persönliche Präsenz von Kandidatinnen und Kandidaten als der am meisten maßgebliche Faktor. Neben Auftritten auf Wahlkampfveranstaltungen oder öffentlichen Kundgebungen spielen dabei Besuche in wirtschaftlichen Unternehmen eine wichtige Rolle.
In solchen Veranstaltungen findet die Personalisierung und Intimisierung von Politik einen institutionellen Rahmen. Dementsprechend sind die Abläufe der Besuche, die Verteilung der Rollen sowie auch der Funktionen der Akteurinnen und Akteure zumeist nach ähnlichen Mustern und historisch auffällig unverändert strukturiert.


Akteurinnen und Akteure, Rollen und Funktionen

Im Zentrum eines Betriebsbesuches stehen jeweils prominente Politikerinnen oder Politiker. Sie schütteln Hände und führen kurze, oftmals scherzhafte, jedenfalls aber interessierte Gespräche mit den Arbeiterinnen und Arbeitern. Indem sie Arbeitsschutzkleidung tragen und gegebenenfalls auch die Fabrikskantine besuchen, können sie zusätzlich Nähe mit den Arbeiterinnen und Arbeitern bekunden.
Begleitet und gleichzeitig geführt werden die Ehrengäste von einer Delegation der lokalen Politprominenz bzw. der Firmenleitung. Ihre Rolle ist die der vermittelnden Kontaktstelle zwischen dem Besuch und der Betriebsbelegschaft. Dadurch können sie sich selbst profilieren, werden als politische Akteurinnen und Akteure bestätigt und wiederum an die Partei gebunden.
Die Rollen und Funktionen der Arbeiterinnen und Arbeiter bei Betriebsbesichtigungen sind besonders vielschichtig. Sie stehen stellvertretend und repräsentativ für die arbeitende Bevölkerung, worauf sich auch die ihnen zugeschriebene Kompetenz begründet. Indem sie einzelne Arbeitsschritte vorführen und erklären, können sie zudem fachliche Kompetenz unter Beweis stellen. Durch das Interesse der prominenten Gäste werden sie darin bestätigt. Gleichzeitig dienen sie und ihr auf Hochglanz poliertes Arbeitsumfeld als Kulisse der Selbstdarstellung der Politikerinnen und Politiker.


Herstellung einer exklusiven Themenöffentlichkeit

Das fotografische Festhalten von Betriebsbesichtigungen ist von besonderer Wichtigkeit für alle Beteiligten. Für die besuchende politische Prominenz bedeutet die mediale Vermarktung die Dokumentation ihres Interesses an der Bevölkerung sowie auch an der wirtschaftlichen Lage des Landes. Den Besuchten und "Besichtigten" kann die bildliche Erinnerung das Gefühl von Exklusivität vermitteln. In (vor allem von großen Firmen) eigens gestalteten Fotoalben wird diese Selbst/Darstellung noch zusätzlich inszeniert.


Nähe und Distanz

Betriebsbesichtigungen stehen in einem eigenen Spannungsfeld von Nähe und Distanz zwischen den Politikerinnen und Politikern und der arbeitenden Bevölkerung. Im Allgemeinen ist es die Absicht, durch den Besuch Distanzen zu überbrücken und Nähe herzustellen. Gleichzeitig wird durch die spezielle Inszenierung dieser Besuche (Festakt, Präsentation von besonderen Produkten, fotografische Dokumentation etc.) die vorhandene Distanz auch unterstrichen und verfestigt.


Auslandsreisende und Betriebsbesichtigungen

Betriebsbesuche als Programmpunkt bei Besuchen ausländischer Politdelegationen bieten dem Gastland die Gelegenheit, technischen Fortschritt und wirtschaftlichen Erfolg zu demonstrieren. Dementsprechend werden als Ziel Prestigeunternehmen ausgewählt. Die Gäste können im Zuge der Besichtigungen Interesse an der Situation der Wirtschaft des Gastlandes beweisen.
Vielfach bilden die Besuche einzelner Produktionsstätten auch das Rahmenprogramm für mitreisende Ehefrauen. In diesen Fällen finden die Besuche zumeist in Betrieben bestimmter Branchen, etwa der Keramikindustrie oder im Sozialwesen, statt, womit nicht zuletzt Geschlechterstereotypen reproduziert werden. Diese werden dementsprechend weniger dokumentarisch festgehalten.

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