Stiftung Bruno Kreisky Archiv: Erinnerungsort Wien
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Öffentliche Auftritte und Reden von Politikerinnen und Politikern sind nicht nur Vorgänge, in denen sich EntscheidungsträgerInnen der Öffentlichkeit stellen und ihre Positionen kommunikativ darlegen, sie markieren daneben im Rückblick oft auch Erinnerungsorte einer Gesellschaft. Dazu gehören beispielsweise die Verteidigungsrede Bruno Kreiskys beim Sozialistenprozess 1936, aber auch Reden wie die anlässlich des Rücktritts der Regierung Schuschnigg 1938 mit den Worten "Gott schütze Österreich" oder Franz Vranitzkys Rede in Jerusalem 1993, in der er sich zu Österreichs Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus bekannte.


Die Rede als politisches Instrument im Kommunikationsraum

Nach der Tradition der feurigen Hetzreden der Zwischenkriegszeit und der Propaganda des Nationalsozialismus veränderten sich Reden gleichzeitig mit den Bedingungen der Medienwelt. Mit der Verbreitung des Fernsehens übernahm die mit Bild und Musik unterstützte politische Werbesendung einen Teil der Aufgaben und Ziele der Rede. Weitere Aspekte wurden durch Interviews, Kommentare und Diskussionssendungen abgedeckt.

Dabei kommen der politischen Rede mehrere Aufgaben zu. Neben der Bedeutung bei der Wahlwerbung dient die Rede zur Mobilisierung von Parteimitgliedern oder in Form der Ansprache eines Regierungschefs oder Staatsoberhauptes zur Kommunikation der politischen Arbeit gegenüber den StaatsbürgerInnen. Dabei soll ein Gemeinschaftsgefühl geweckt werden, um eine möglichst breite Unterstützung der Regierungsarbeit zu gewährleisten. Das manifestiert sich nicht zuletzt in der Tradition der Neujahrsansprachen des Bundeskanzlers, in der die Ereignisse des vergangenen Jahres in einer Form rekapituliert werden, die eine Identifikation der RezipientInnen mit dem Staat und der Staatsführung erreichen soll. Dazu werden Herausforderungen der Zukunft adressiert.
Eine weitere Form stellen außenpolitische Reden, etwa Bruno Kreiskys Reden vor der UN-Vollversammlung zur Südtirolfrage, dar. Es zeigt sich also, dass sich Politikerreden grundsätzlich durch das Publikum unterscheiden, an das sie gerichtet sind.
So besteht diese exemplarische Zusammenstellung aus Reden vor Gericht (Kreiskys "Verteidigungsrede" ist tatsächlich seine Vernehmung durch den Vorsitzenden), Reden vor dem Nationalrat (wie Kreiskys Regierungserklärung anlässlich des Antritts der Alleinregierung von 1971), vor internationalen Gremien oder an Universitäten.


Die Redesammlung Bruno Kreiskys

Das Bruno Kreisky Archiv verwahrt in seinen Sammlungen fast 1000 Redeaufzeichnungen Bruno Kreiskys von 1936 bis 1989. Da Kreisky von 1953 bis 1983 (abgesehen von 1966-1970) der Bundesregierung angehört hat, sind seine Reden auch ein Fenster zur Geschichte der Zweiten Republik. Kreisky, der seine politische und rhetorische Ausbildung in der Arbeiterbewegung der Ersten Republik erhalten hatte, trat als hochprofessioneller Redner auf. Fast wöchentlich meldete er sich mit Referaten, Wortmeldungen als Regierungsmitglied, in Gremien der Partei und ihrer Vorfeldorganisationen, aber auch bei internationalen Veranstaltungen und Pressekonferenzen zu Wort. Themenkomplexe wie Neutralität, internationale politische und wirtschaftliche Integration, Ost-West-Beziehung und Detente, Nahostkonflikt sowie eine Reihe von innenpolitischen Themen spiegeln sich in Kreiskys Manuskripten wider.

Darüber hinaus bewahrt das Bruno Kreisky Archiv in Form des Johanna Dohnal Archivs auch Aufsätze, Kommentare und Reden der Frauenministerinnen Johanna Dohnal, Barbara Prammer und Helga Konrad auf. Weiters befinden sich die Kabinettsakten der Bundeskanzler Fred Sinowatz und Franz Vranitzky teils im Österreichischen Staatsarchiv, teils im Kreisky Archiv. Diese beiden Bestände unterliegen jedoch nach den Bestimmungen des Archivgesetzes einer 30-jährigen Sperrfrist.
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Sozialistenprozess: Unter der austrofaschistischen Diktatur kam es in Folge des Bürgerkrieges 1934 zu Beginn des Jahres 1935 zu einer umfassenden Verhaftungswelle gegen SozialdemokratInnen und Revolutionäre SozialistInnen. Dabei wurden unter anderem Maria Emhart, Bruno Kreisky, Franz Jonas und Otto Binder festgenommen. Am 16. März 1936 begann die Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht im Wiener Landesgericht für Strafsachen. Ursprünglich war mehreren Angeklagten bei diesem Schauprozess die Todesstrafe angedroht worden, eine Maßnahme, die nach internationalen Interventionen (unter anderem durch den britischen Thronfolger) zurückgenommen wurde.
Bruno Kreiskys Verteidigungsrede, in einem Flugblatt der Revolutionären Sozialisten abgedruckt und veröffentlicht, wurde von der internationalen Presse rezipiert. Kreisky wurde am 24. März 1936 wegen Hochverrats zu einem Jahr Kerker verurteilt, nachdem er bereits ein Jahr in Untersuchungshaft und vier Monate in Polizeihaft verbracht hatte. Am 3. Juni wurde er entlassen, allerdings von der Universität relegiert.

Stiftung Bruno Kreisky Archiv, Rechte Wienzeile 97, A-1050 Wien
Tel.: +43 /1/ 545 75 35 / 32, Fax: +43 /1/ 545 30 97, e-mail: archiv@kreisky.org