Stiftung Bruno Kreisky Archiv: Erinnerungsort Wien
home
Inhalt
Das Projekt
Dokumente
Bibliographie
Links
Kontakt
Neue soziale Bewegungen › Friedensbewegung
• Anti-Zwentendorfbewegung
• Friedensbewegung
• Besetzung der Hainburger Au

Der Aufschwung der Friedensbewegung in Österreich ab 1980 ist in erster Linie auf die internationale Entwicklung des Kalten Krieges, das heißt durch die zunehmende militärische und politische Spannung zwischen Ost und West und die damit einhergehenden Aufrüstungstendenzen von USA und Sowjetunion zurückzuführen. Die dadurch auch im „neutralen“ Österreich entstandene Verunsicherung war gekoppelt mit einer grundsätzlich kritischeren Haltung der Bevölkerung gegenüber den Handlungsweisen von Staat und Regierung, die nicht zuletzt durch die Debatte um „Zwentendorf“ Ende der 1970er-Jahre beeinflusst war. So wie die Anti-Kernkraftbewegung war auch die Friedensbewegung in ihrer Zusammensetzung sehr heterogen.

 

„Den Atomkrieg verhindern! Abrüsten!“

Wichtigster Gegenstand des Protests und auslösendes Moment für die ersten Aktivitäten der österreichischen Friedensbewegung war der Nato-Doppelbeschluss vom 12. 12. 1979 – die geplante Stationierung neuer atomarer Waffen (Pershing II und Cruise Missiles) in der BRD –, der in Österreich als direkte Bedrohung empfunden wurde. Auch österreichische Rüstungsexporte an sich im Krieg befindende oder totalitär regierte Staaten wurden von einigen Gruppen der Friedensbewegung heftig kritisiert. Die wichtigsten Forderungen waren ein „atomwaffenfreies und entmilitarisiertes Europa“, die „Umstellung der Rüstungsindustrie auf zivile und sozialnützliche Güter“ und der „Verzicht auf die zivile Nutzung von Atomenergie“.
Im großen Maße vorangetrieben wurden die Organisation und die Aktionen einer „gesamtösterreichischen“ Friedensbewegung von den Jugendorganisationen der Parteien SPÖ und ÖVP. Aber auch die Gewerkschaftsjugend, die katholische Arbeiterjugend, „Frauen für den Frieden“, der österreichische Friedensrat, der Versöhnungsbund, die „Aktion kritisches Christentum“, die „Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Friedensinitativen“ (UFI) und viele kleinere, regionale Initiativen engagierten sich. Für Konfliktpotential sorgte dabei immer wieder die Uneinigkeit zwischen den linken parteipolitisch orientierten Gruppierungen wie den Jugendorganisationen der Sozialisten und Kommunisten und den konservativen und unabhängigen Teilen der Bewegung über die Solidarisierung mit den unabhängigen Friedensbewegungen in Osteuropa. Die einseitige Verurteilung der US-amerikanischen Aufrüstung durch die linken Gruppierungen und die nicht erbrachte Kritik der Linken gegenüber der Sowjetunion wurde zum Streitpunkt zwischen den einzelnen Friedensinitiativen.
Im Zuge der Bewegung entstanden in Österreich auch eigene Initiativen, die von der besonderen Lage als neutraler Staat zwischen den beiden großen Machtblöcken ausgingen. Eine davon war der „Linzer Appell“. Einen weiteren Friedensappell formulierten die obersten Vertreter der katholischen Kirche mit dem „Appell der österreichischen Bischöfe“.

 

Friedensmärsche, Menschenketten und Wallfahrten

Das wichtigste und eindrucksvollste Instrument der Friedensbewegung Anfang der 1980er-Jahre war der „Friedensmarsch“. Mit diesem eroberten die AktivistInnen sukzessive den öffentlichen „Stadtraum“.
In Wien sowie auch in den österreichischen Landeshauptstädten gab es zwischen 1981 und 1983 eine Reihe von großen Friedensdemonstrationen.
Der erste „Marsch für Abrüstung und Frieden“ in Wien fand am 27. 6. 1981 statt. Einige Monate später, am 22. 10. 1981 kam es bereits zu einer größeren Friedensdemonstration mit 10.000 TeilnehmerInnen. Die Massenveranstaltungen für den Frieden, die im Herbst 1981 in anderen europäischen Großstädten wie Bonn, London, Rom oder Amsterdam stattfanden, hatten dabei Vorbildwirkung. Gegen Ende des Jahres wuchs der Wunsch der österreichischen Friedensinitiativen, nach internationalem Vorbild eine gesamtösterreichische Friedensdemonstration in Wien zu organisieren. Im Rahmen von mehreren sogenannten „Friedensplena“ wurde der von ca. 160 Organisationen unterstützte Friedensmarsch unter dem Titel „Den Atomkrieg verhindern! Abrüsten“ für den 15. 5. 1982 konzipiert. Als die erwartete TeilnehmerInnenzahl ein Monat vor der Veranstaltung bereits bei 20.000 Menschen lag, begannen auch Medien und Großparteien, Stellung zur Friedensbewegung zu nehmen. Hauptstreitpunkt war die Zusammenarbeit mit den Kommunisten.
Letztendlich marschierten am 15. 5. 1982 70.000 Menschen zur Hauptkundgebung am Wiener Rathausplatz.
Während ein von der österreichischen Hochschülerschaft im Wiener Prater geplantes internationales Musikfestival („Vienna Peace Festival“) im August 1982 scheiterte, fanden im „Friedenscamp“ auf der Arena Wiese internationale Friedensmärsche aus Ost und West ihr Ziel – unter anderem auch der von „Frauen für den Frieden“ organisierte „Friedensmarsch '82“ von Berlin nach Wien. Als Abschluss gab es am 6. 8. 1982 zum 37. Jahrestag der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki eine Gedenkveranstaltung mit dem Titel „Nie wieder Hiroshima“.
Neben den großen Friedensmärschen brachte die österreichische Friedensbewegung ihr Engagement auch mit anderen Veranstaltungen wie Konzerten („Künstler für den Frieden“ am 6. 11. 1982 in der Wiener Stadthalle), einer gesamtösterreichischen Friedenskonferenz (18. und 19. 12. 1982 in Linz) oder mit einer gesamtösterreichischen Friedenswoche (7. – 15. 5. 1983) zum Ausdruck.
Auch die offizielle katholische Kirche rief im Februar 1982 zu einer Friedenswallfahrt in Linz auf, an der sich ca. 16.000 Menschen beteiligten.
Bei einer Großveranstaltung am 22. 10. 1983 mit ca. 100.000 TeilnehmerInnen bildeten zusätzlich zum Sternmarsch ca. 5.000 FriedensaktivistInnen zwischen der Botschaft der UdSSR und der Botschaft der USA eine fünf Kilometer lange Menschenkette.

 

Das Verhältnis der Friedensbewegung zur österreichischen Regierung

Eine wesentliche Voraussetzung für das Wirken und die Wirksamkeit der Friedensbewegung in Österreich der 1980er-Jahre ergibt sich aus der herausragenden Rolle, die Parteien und andere etablierte Organisationen, wie z. B. die katholische Kirche oder der Gewerkschaftsbund, in der politischen Landschaft spielten. Im Großen und Ganzen verhielten sich Regierung und Exekutive gegenüber der Friedensbewegung – nicht zuletzt wegen ihrer Größendimension – bis 1984 relativ wohlwollend. Forderungen wie Neutralität oder Atomwaffenfreiheit waren in Österreich bereits erfüllt. Das „neutrale“ Österreich unterhielt zu diesem Zeitpunkt zahlreiche freundschaftliche Beziehungen zu anderen Staaten und fungierte als Sitz internationaler Organisationen und Treffpunkt für Konfliktparteien. Beim Verhalten gegenüber der nationalen Friedensbewegung spielte also auch der Erhalt dieses Images der Republik eine Rolle.

 

zum Download des Acrobat Readers
Druckversion drucken

Valid XHTML 1.0 Transitional

Pop-ups:
„Linzer Appell“:
Der „Linzer Appell“ wurde vom gesamtösterreichischen Friedensplenum in Linz am 19. 12. 1982 verabschiedet und richtete sich gegen die Durchführung des NATO-Nachrüstungsbeschlusses. Der „Linzer Appell“ forderte die österreichische Regierung auf, sich gegen die Stationierung von US-amerikanischen Mittelstreckenraketen in Europa auszusprechen. Der genaue Wortlaut des Appells war: „Ich appelliere an die österreichische Bundesregierung, sich gegen die Stationierung von Pershing-II-Atomwaffen und Cruise Missiles in Europa auszusprechen und gemeinsam mit anderen Staaten konkrete und wirksame Maßnahmen zur Verhinderung der Stationierung als ersten Schritt für ein atomwaffenfreies Europa zu treffen.“ Für Konfliktpotential innerhalb der Friedensbewegung sorgte der Linzer Appell, weil er sich nur gegen die US-amerikanischen Raketen richtete. Die sowjetischen Raketen, deren Aufstellung der Anlass für den Nachrüstungs-Beschluss der NATO galten, wurden im Linzer Appell nicht erwähnt.


„Appell der österreichischen Bischöfe“:
Im April 1983 bezogen die österreichischen Bischöfe mit einem Appell Stellung zu einem weltpolitischen Problem und forderten die Politiker von Ost und West auf, die Massenvernichtungswaffen abzuschaffen, auf Mittelstreckenraketen zu verzichten und einen Rüstungsabbau bei konventionellen Waffen im europäischen Raum zu vereinbaren. Dieser Appell wurde von 140.000 Menschen in Österreich unterschrieben.
Stiftung Bruno Kreisky Archiv, Rechte Wienzeile 97, A-1050 Wien
Tel.: +43 /1/ 545 75 35 / 32, Fax: +43 /1/ 545 30 97, e-mail: archiv@kreisky.org