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Jugend Politik Protest › Nachkriegszeit: Kalter Krieg und jugendliche Rebellion
• Zwischenkriegszeit: Radikalisierung und Polarisierung
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Sonntag ist Wahltag: politische Partizipation in der Nachkriegszeit

Im Zuge des demokratischen Wiederbeginns unter alliierter Aufsicht konstituierten sich in Österreich 1945 die politischen Parteien SPÖ, ÖVP und KPÖ. SPÖ und KPÖ standen dabei ideologisch weitgehend in der Tradition ihrer Vorgängerorganisationen der Ersten Republik. Das politische System der österreichischen Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit war durch die Allianz der zwei großen Lager, dem bürgerlich-katholischen (ÖVP) und dem sozialdemokratischen (SPÖ), geprägt. Nach den ersten Wahlen der Zweiten Republik am 25. November 1945 gingen ÖVP und SPÖ als Wahlgewinner hervor. Es wurde eine Konzentrationsregierung, die auch die KPÖ einschloss, gebildet. Ab 1947 regierte eine „große“ Koalition aus ÖVP und SPÖ. Dieses politische Modell blieb bis 1966 aufrecht. Gleichzeitig gewann das System der Sozialpartnerschaft zunehmend an Bedeutung. Diese Konstellation prägte auch die Möglichkeiten zur politischen Partizipation.

Parteien, Gewerkschaften und Kirche mobilisierten ihre politischen AnhängerInnen. Ziel war es, dass sich die erwachsenen BürgerInnen bei den Wahlen mit allgemeinem und gleichem Wahlrecht beteiligten, um damit die Demokratie zu stärken und zu legitimieren. Die Wahlbeteiligung der ÖsterreicherInnen war im westeuropäischen Vergleich sehr hoch. Im Unterschied zur Ersten Republik beschränkte sich die politische Partizipation in der Periode zwischen 1945 und dem Ende der 1960er-Jahre im Wesentlichen aber auf die Teilnahme an Wahlen des Gemeinderats, des Landtags, des Nationalrats und des Bundespräsidenten. Der unmittelbare Einfluss des einzelnen Wählers und der einzelnen Wählerin auf politische Entscheidungen oder Inhalte blieb dabei gering. Für die Wahl des Bundespräsidenten galt österreichweit bis 1982 allgemeine Wahlpflicht, in einigen Bundesländern bis 1994 auch bei Nationalratswahlen. Der Wahlakt selbst spielte als Ausdruck eines demokratischen Bewusstseins eine wichtige Rolle. Bis 1979 galt am Vorabend des Wahltags und den Wahltag hindurch Alkoholverbot. Darüber hinaus hatte der Gang zur Wahl einen ritualisierten Charakter, der zum Beispiel durch das Tragen von festlicher Kleidung am Wahltag unterstrichen wurde.

Die Nachkriegsgesellschaft in Österreich war stark von der Idee des Gehorsams und der Unterordnung gegenüber Autoritäten geprägt. In den späten fünfziger Jahren regte sich vor allem in der Jugendkultur erster Widerstand gegen die gesellschaftlichen Vorstellungen von „Ordnung“. Wesentliche demokratiepolitische Veränderungen fanden jedoch erst in den 1970er-Jahren statt.

 

Parteipolitische Jugendorganisationen nach 1945

Wie bereits vor dem 2. Weltkrieg sollten die parteipolitischen Jugendorganisationen auch ab 1945 wieder die ideologischen Weltanschauungen der jeweiligen Partei vertreten und an ihre jugendlichen Mitglieder vermitteln. So wurde bereits im April 1945 die Sozialistische Jugend Österreichs (SJÖ) als Nachfolgeorganisation der Sozialistischen Arbeiterjugend ( SAJ ) gegründet. Organisatorisch beruhte die SJÖ auf demokratischen Prinzipien, die leitenden FunktionärInnen der Bezirks-und Landesgruppen wurden von den Mitgliedern gewählt. Inhaltlich konzentrierte sich die Organisation auf die Vertretung von Jugendlichen in politischen und wirtschaftlichen Anliegen sowie auf der Weitergabe „sozialistischer Bildungsinhalte“.

Es wurden regelmäßige Heimabende abgehalten, manchmal fand die Jugendarbeit aber auch direkt in Betrieben statt. Die SJÖ engagierte sich in den ersten Nachkriegsjahren in der Wiederaufbauhilfe, sie organisierte gemeinsame Ausflüge oder die geschlossene Teilnahme an Veranstaltungen der SPÖ, wie zum Beispiel den Fackelzügen am Vorabend des 1. Mai.

Im Laufe der späten 1940er-Jahre entwickelte sich die Sozialistische Jugend, die sich als bewusst politische Organisation definierte, zu einer Massenorganisation mit über 28.000 Mitgliedern. Ab Mitte der 1950er-Jahre geriet die Jugendorganisation aber in eine Krise, die sich in sinkenden Mitgliederzahlen bemerkbar machte. Die VertreterInnen der Sozialistischen Jugend standen der wachsenden Begeisterung von Jugendlichen für die Angebote der Freizeitindustrie eher ablehnend gegenüber. Konzerte, Kino und Tanzcafés wurden für die politischen Jugendorganisationen zunehmend zu einer attraktiven Konkurrenz.

Mit der erneuten Politisierung der Jugendkultur in den 1960er-Jahren erholte sich die Sozialistische Jugend langsam aus ihrem Tief. Gemeinsam mit anderen Organisationen veranstalteten sie politische Demonstrationen gegen neofaschistische Provokationen, zum Beispiel anlässlich der „Affäre Borodajkewycz“ 1965.

Auch die Katholische Arbeiterjugend (KAJ) oder die Freie Österreichische Jugend (FÖJ) spielten in der Nachkriegszeit eine wichtige Rolle.

 

Mitten im Kalten Krieg: der Konflikt um die kommunistischen Weltjugendspiele 1959

Die VII. Weltjugendfestspiele fanden vom 26. Juli bis 4. August 1959 in Wien statt. Erstmals seit seiner Gründung nach 1945 organisierte ein international besetztes kommunistisches Team das Festival in einem Land diesseits des Eisernen Vorhangs. Der Konflikt um die Weltjugendfestspiele 1959 in Wien verdeutlicht den Einfluss des internationalen Kalten Krieges in der österreichischen Nachkriegszeit — auch auf die Jugendorganisationen.

Die österreichische Regierung unter Bundeskanzler Raab hatte das Festival, das unter dem Schlagwort "Frieden" stattfinden sollte, genehmigt, nicht zuletzt, um Österreichs Status als neutraler Staat zu untermauern. Etwa ein Jahr vor den Weltjugendspielen begannen einige Antikommunisten aus Österreich mit den Planungen für ein semioffizielles Gegenprogramm. Die streng geheimen Treffen fanden in Meran (Südtirol) statt. Unter den Teilnehmern waren unter anderem Bruno Kreisky, damals Staatsekretär im Außenamt, Christian Broda und der Herausgeber der „Presse“ Fritz Molden. Dem so genannten Meraner Kreis gehörten jedoch auch internationale Persönlichkeiten wie der Sonderberater von Präsident Eisenhower C. D. Jackson aus den USA oder der deutsche Katholik Klaus Dohrn an. Die Beteiligten kamen aus unterschiedlichen politischen Lagern, waren jedoch durch ihren Antikommunismus verbunden. Die Form und das Vorgehen dieses Netzwerkes, wie die Abhaltung geheimer Treffen, das Verteilen von Flugblättern und die Beschaffung von Geldmitteln, erinnert an die Zeit des politischen Widerstands in der Zwischenkriegszeit und während des Nationalsozialismus, in der Bruno Kreisky seine politische Sozialisation erfahren hatte.

Das Programm der VII. Weltjugendspiele in der Wiener Stadthalle bestand aus zahlreichen sportlichen und kulturellen Veranstaltungen. Darüber hinaus sollte jungen Menschen aus allen Kontinenten Gelegenheit geboten werden zusammenzukommen, um einen „Meinungs- und Erfahrungsaustausch über Beruf, Freizeit und oder Weltanschauungen“ zu pflegen. Die ca. 15.000 Jugendlichen kamen aus allen Teilen der Welt, die meisten von ihnen reisten mit Visa aus kommunistisch regierten Ländern an.

Parallel dazu wurden im Sommer 1959 eine Reihe von vom Meraner Kreis geplanten Gegenaktivitäten zum kommunistischen Festival umgesetzt: Knapp 1500 Jugendliche arbeiteten in Informationsstellen an zentralen Punkten der Stadt. Es wurde eine siebensprachige Zeitung sowie Romane antikommunistischen Inhalts produziert und in der Stadt verteilt. Es gab ein Filmprogramm und Jazz-Konzerte, die den „Soundtrack“ des „freien Wien“ liefern sollten. Für jene FestivalbesucherInnen, die aus nicht kommunistischen Ländern kamen, organisierte man Fahrten zum Eisernen Vorhang . Für all das galt es im Vorfeld ausreichend Geldmittel aufzutreiben, eine Aufgabe, mit der auch Bruno Kreisky betraut war. Hilfe kam unter anderem aus den USA, die Verbindungen des ehemaligen CIA-Agenten C. D. Jackson öffneten dabei sogar geheimdienstliche Kanäle.

Auch abseits des Gegenprogramms kam es zu Protesten gegen die Weltjugendspiele, wie einem Hörstreik der österreichischen Hochschülerschaft oder zu Schweigemärschen der katholischen und sozialdemokratischen Jugend. Presse und Rundfunk übten im Vorfeld zum Teil massive Kritik an dem Festival, hielten sich jedoch mit Ausnahme der kommunistischen Volksstimme während der Spiele an den ebenfalls vom Meraner Kreis initiierten absoluten Presseboykott.

Trotz des als erfolgreich eingestuften Gegenprogramms zog Kreisky, der mittlerweile Außenminister war, den Schluss, dass solche Veranstaltungen in Zukunft ganz unterbleiben sollten, da sie der österreichischen Außenpolitik schaden würden. Innenpolitisch waren die Kommunisten in Österreich zu diesem Zeitpunkt für die Großparteien SPÖ und ÖVP längst keine Konkurrenz mehr. Die KPÖ war seit den Nationalratswahlen am 10. Mai 1959 nicht mehr im österreichischen Parlament vertreten.

 

Halbstark und brav: jugendliche Rebellion in den 1950er- und 1960er-Jahren

Mit dem Wirtschaftsaufschwung in den 1950er-Jahren veränderten sich die Lebensbedingungen in Österreich auch für junge Menschen stark. Der zunehmende Wohlstand brachte zum ersten Mal für breite Bevölkerungsschichten Freizeit und damit Raum für individuelle Lebensgestaltung. Mit den Finanzhilfen des Marshallplans und der Integration der österreichischen Wirtschaft in den Weltmarkt wuchs gleichzeitig der Einfluss der US-amerikanischen Kultur- und Freizeitindustrie.

Die US-amerikanische Massenkultur — insbesondere Musik, Mode und Film — war besonders für Jugendliche interessant. Durch die Aneignung von Stilelementen aus Film und Musik entstand ein neues jugendliches Lebensgefühl. Bestimmte modische Details — wie Lederjacken und Petticoats — und ein Lifestyle, der sich in erster Linie an Unterhaltung und Konsum orientierte, dienten Jugendlichen zur Identifikation.

Die kleinbürgerliche Ordnung der Wiederaufbaugesellschaft und die die politische Polarisierung der Elterngeneration in der Ersten Republik sowie deren Erfahrungen unter dem nationalsozialistischen Regime bewirkten bei der nachfolgenden Generation ein Misstrauen gegenüber Politik im Allgemeinen. Dieses fand seinen Ausdruck im neuen „unpolitischen“ Lifestyle der 1950er-Jahre.

Bereits mit dem Besuch von Rock'n'Roll-Konzerten und Tanzveranstaltungen forderten Jugendliche gegen die bürgerlichen Wertevorstellungen der Erwachsenenwelt heraus. Individuelle Freiheit, Spaß und das Ausleben von Sexualität wurden als Aufbegehren gegen die festgelegten Ordnungskriterien gewertet, die um Begriffe wie Anstand, Leistung und Disziplin kreisten. Die strenge Sexualmoral sah vor, dass Sexualität — vor allem für Mädchen —außerhalb der Ehe keinen Platz haben sollte. Jegliches Abweichen von der konventionellen Lebensform wurde von Autoritätspersonen wie Eltern oder LehrerInnen oft als Gefährdung der gesellschaftlichen Ordnung betrachtet. So waren auch die Jugendlichen Halbstarken oder Schlurfs, wie sie auch in den 1950er- und 1960er- Jahren noch genannt wurden, die sich mittels Selbstbewusstsein, Outfit und Musik definierten und ihre Freizeit gemeinsam und autonom gestalteten, eine Verunsicherung für die kleinbürgerlich-konservativ geprägte Erwachsenenwelt der österreichischen Nachkriegszeit. Diese führte auch häufig zu einer Kriminalisierung von Jugendlichen, deren Verhalten nicht den vorgegebenen Normen entsprach.


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„Linzer Appell“:
Der „Linzer Appell“ wurde vom gesamtösterreichischen Friedensplenum in Linz am 19. 12. 1982 verabschiedet und richtete sich gegen die Durchführung des NATO-Nachrüstungsbeschlusses. Der „Linzer Appell“ forderte die österreichische Regierung auf, sich gegen die Stationierung von US-amerikanischen Mittelstreckenraketen in Europa auszusprechen. Der genaue Wortlaut des Appells war: „Ich appelliere an die österreichische Bundesregierung, sich gegen die Stationierung von Pershing-II-Atomwaffen und Cruise Missiles in Europa auszusprechen und gemeinsam mit anderen Staaten konkrete und wirksame Maßnahmen zur Verhinderung der Stationierung als ersten Schritt für ein atomwaffenfreies Europa zu treffen.“ Für Konfliktpotential innerhalb der Friedensbewegung sorgte der Linzer Appell, weil er sich nur gegen die US-amerikanischen Raketen richtete. Die sowjetischen Raketen, deren Aufstellung der Anlass für den Nachrüstungs-Beschluss der NATO galten, wurden im Linzer Appell nicht erwähnt.


„Appell der österreichischen Bischöfe“:
Im April 1983 bezogen die österreichischen Bischöfe mit einem Appell Stellung zu einem weltpolitischen Problem und forderten die Politiker von Ost und West auf, die Massenvernichtungswaffen abzuschaffen, auf Mittelstreckenraketen zu verzichten und einen Rüstungsabbau bei konventionellen Waffen im europäischen Raum zu vereinbaren. Dieser Appell wurde von 140.000 Menschen in Österreich unterschrieben.
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