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Monarchie

 

Der heutige Standort der Schule lag in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der Grenze der Vorstadt gegen das Glacis, der unbebauten Fläche vor den Stadtmauern Wiens. 1858 begannen die Abbrucharbeiten der Befestigungsanlagen um den 1. Bezirk, die an Stelle der heutigen Ringstraße standen. 1866 wurde die Gasse nach dem Wiener Maler Carl Heinrich Rahl (1812–1865) benannt und mit einer prunkvollen Treppe zur höher gelegenen Mariahilferstraße verbunden. 1869 wurde durch das Reichsvolksschulgesetz die Schulpflicht vom 6. bis zum 14. Lebensjahr eingeführt und die Errichtung von Bürgerschulklassen für Mädchen beschlossen. Die damals achtjährige Schulpflicht wurde entweder gänzlich in der Volksschule absolviert oder bestand aus fünf Jahren Volksschule und drei Jahren Bürgerschule. Während den Buben noch das Gymnasium zur Verfügung stand, endeten die staatlichen Bildungsmöglichkeiten für Mädchen mit der dritten Klasse der Bürgerschule. Mit der Errichtung von Bürgerschulklassen für Mädchen wurde der Beruf der Lehrerin in einer staatlichen Lehrerbildungsanstalt zu einem der ersten qualifizierten Frauenberufe für Mädchen bürgerlicher Herkunft. Die Lehrpläne der damals bestehenden privaten und kirchlichen Mädchenlyceen beinhalteten zwar Fremdsprachen, boten aber keine Berufsausbildung und ihr Abschluss berechtigte auch nicht zum Universitätsstudium.


Das Mädchengymnasium in der Rahlgasse verdankt seine Entstehung der Initiative bürgerlicher Frauen und Männer in Wien, die 1866 „zum Zwecke der Ausbildung und Förderung der Erwerbsfähigkeit der Frauen und Mädchen“ den „Wiener Frauen-Erwerb-Verein“ gründeten. Ziel des Vereins war es, Witwen und unverheirateten Töchtern bürgerlicher Herkunft eine standesgemäße eigenständige Existenzmöglichkeit zu ermöglichen. Als Folge der Wirtschaftskrise nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 konnten zahlreiche Familien des Wiener Bürgertums ihren Lebensstandard nicht mehr halten. Die Töchter von Kaufleuten, Gewerbetreibenden oder Beamten befanden sich zunehmend in einer ausweglosen Situation: Einerseits konnten sie nur wenige Berufe ergreifen, da alle anderen nicht „standesgemäß“ erschienen, andererseits verdienten ihre Väter selten soviel, um ihren unverheirateten Töchtern ein ebensolches Leben zu ermöglichen. Zudem machte die Reduktion der Hausarbeit in städtischen Haushalten durch das wachsende Angebot an industriell produzierter Ware auch die Heimarbeit (Häkeln, Sticken etc.) zunehmend überflüssig. In ihren Erinnerungen schilderte die Industriellentochter Marianne Hainisch (1839–1936) den Anlass ihres Engagements für bessere Ausbildungsmöglichkeiten:

„An einem schönen Sommertag kam eine junge Freundin zu mir, deren kranker Mann die Familie nicht mehr ernähren konnte. Sie wollte Brot schaffen und holte sich bei mir Rat. Aber obwohl wir uns beide von morgens bis abends den Kopf zermarterten, konnten wir für die Frau, die mehrere Sprachen sprach, keine Erwerbsmöglichkeiten ausfindig machen. Dies erschütterte mich. Denn unsere Arbeiterinnen konnten sich und ihre Kinder ernähren, wenn sie Witwen wurden. Warum konnten wir Bürgerliche nichts erwerben?“

Als erster Schritt wurde eine Frauengewerbeschule für Weißnähen und Kleidermachen und eine Handelsschule eröffnet. Um für Frauen auch höher qualifizierte eigenständige Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen, stellte Marianne Hainisch bei der dritten Generalversammlung des „Wiener Frauen-Erwerb-Vereins“ am 12. März 1870 den Antrag auf Errichtung eines Unterrealgymnasiums für Mädchen. Am konkreten Datum dieses Antrags wurde später der Beginn der österreichischen Frauenbewegung festgemacht und Marianne Hainisch ging als „Gründerin der österreichischen Frauenbewegung“ in die Geschichtsschreibung ein. Tatsächlich engagierten sich jedoch Ende des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl von bürgerlich-liberalen Frauenrechtlerinnen wie Auguste Fickert, Rosa Mayreder und Marie Lang für den Zugang von Frauen zu höherer Bildung. 1873 kaufte der „Wiener Frauen-Erwerb-Verein“ durch Spendengelder das Haus in der Rahlgasse 4 und etablierte eine private „Höhere Bildungsschule für Mädchen“ von 12 bis 16 Jahren. Damals waren Frauen noch nicht zum Hochschulstudium zugelassen. Ziel des „Frauen-Erwerb-Vereins“ war die unmittelbare Absicherung vor wirtschaftlicher Not. Eine Angleichung der Mädchenbildung an die Knabenbildung wurde nicht angestrebt.

Deshalb gründeten Marie Boßhardt von Demerghel, Editha Mautner von Markhof und Marie Schwarz 1888 den „Verein für erweiterte Frauenbildung“ mit Sitz in der Rahlgasse 4. Ziel des Vereins war die Errichtung vollwertiger Mädchenmittelschulen – zu diesem Zeitpunkt existierten in Österreich 77 Gymnasien für Knaben – sowie die Durchsetzung des Hochschulstudiums für Frauen. Zu den engagiertesten Mitgliedern des Vereins gehörte Marianne Hainisch. 1892 wurde die erste gymnasiale Mädchenklasse eröffnet. Sie umfasste sechs Schulstufen, in denen bis zur Matura derselbe Lehrstoff vermittelt wurde wie an den Gymnasien für Knaben – diesen standen allerdings acht Jahre zum Erlernen des Stoffes zur Verfügung. Der Andrang an diese Schule war von Anfang an groß. Die 28 Schülerinnen mussten die Bürgerschule abgeschlossen sowie eine Aufnahmsprüfung absolviert haben und Schulgeld bezahlen. Unterrichtet wurden sie in den Räumen des städtischen Pädagogikums in der Hegelgasse 12. Ihre Matura mussten sie als Externistinnen am akademischen Gymnasium vor fremden Lehrkräften ablegen.
Die lang erkämpfte Schulgründung bildete einen Meilenstein in der Geschichte der Mädchenbildung in Österreich. Erst 1897 wurden Studentinnen an die Philosophische Fakultät die Universität Wien zugelassen, ab 1900 konnten Frauen auch regulär Medizin studieren. 1903 wurde der Unterricht zu einem achtklassigen Gymnasium mit einem dem Knabengymnasium äquivalenten Lehrplan ausgebaut. 1907 waren bereits 10 von insgesamt 43 Lehrkräften weiblich. 1910 erhielt die ausschließlich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanzierte Schule des „Vereins für erweiterte Frauenbildung“ das Öffentlichkeitsrecht und übersiedelte endgültig in die Rahlgasse.

 



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UNRRA: Das Hilfsprogramm der United Nations Relief and Rehabilitation Administration betreute vor allem "Displaced Persons", also Flüchtlinge, mit Hilfsgütern und hatte besonders im "Hungerwinter" 1946 große Bedeutung für die Versorgung der österreichischen Bevölkerung.

ERP: Das European Recovery Program (ERP) wurde nach seinem Initiator, dem US-Außenminister George C. Marshall, auch "Marshall-Plan" genannt. Mit der Abwicklung in den USA war die ECA (Economic Cooperation Agency) betraut. Mit der Koordination in Europa befasste sich die OEEC (Organisation for European Economic Cooperation, seit 1961: OECD – Organisation for Economic Cooperation and Development) mit Sitz in Paris. Die Konvention der OEEC wurde am 16. April 1948 von den 17 westeuropäischen Staaten, die am europäischen Wiederaufbauprogramm der USA teilnahmen, und den beiden assoziierten Mitgliedern Kanada und USA unterzeichnet.

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DDDr. Udo Illig: Der ÖVP-Politiker DDDr. Udo Illig war von 1927 bis 1932 steirischer Landtagsabgeordneter, von 1945 bis 1953 Landesrat und von 1953 bis 1956 Bundesminister für Handel und Wiederaufbau.
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