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Mädchenbildung› Erste Republik, Austrofaschismus und Nationalsozialismus
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Erste Republik, Austrofaschismus und Nationalsozialismus


Mit der Ausrufung der Republik Deutschösterreich am 12. November 1918 änderte sich auch die Schulpolitik grundlegend. Da der Weg zu höherer Mädchenbildung in der Monarchie nur über private oder kirchlich geführte Mädchengymnasien geführt hatte, verfügte der sozialdemokratische Unterrichtsminister Otto Glöckel 1919 per Erlass, dass Mädchen in öffentliche Knabenmittelschulen aufgenommen werden mussten. Damit hatten erstmals auch Mädchen aus weniger begüterten Familien die Möglichkeit zu maturieren. An den weiter bestehenden Frauenoberschulen bzw. Lyzeen wurden Mädchen weiterhin in frauenspezifischen Fächern wie Hauswirtschaftskunde unterrichtet. Mit dem Zugang zum Hochschulstudium erhöhte sich auch die Anzahl der Gymnasiallehrerinnen sukzessive. Der Anteil der Mädchen an Knabenmittelschulen stieg während der Ersten Republik auf ein Drittel der GesamtschülerInnenzahl.


Zu dem Zeitpunkt, als höhere Mädchenbildung auch an öffentlichen Gymnasien Einzug hielt, blickte das vom „Verein für erweiterte Frauenbildung“ getragene private Mädchengymnasium in der Rahlgasse bereits auf eine über 20jährige Geschichte zurück. Die Schule zeichnete sich von Beginn an durch hohes Niveau nicht nur in den humanistischen, sondern auch in den naturwissenschaftlichen Fächern aus, wie etwa die Karrieren der Physikerin und Mathematikerin Olga Ehrenhaft-Steindler (1879–1933) und der Kernphysikerin Marietta Blau (1894–1970) belegen. Die Absolventinnen der Rahlgasse zählten zur Pionierinnengeneration der Akademikerinnen Österreichs und blieben oft bis an ihr Lebensende untereinander in Kontakt. Einige von ihnen kehrten nach ihrem Studienabschluss an ihre ehemalige Schule zurück, um dort zu unterrichten. 1919 wurde die Schule erstmals von einer Frau, Dr. Anna Ogrinz, geleitet: Auch sie hatte an der Rahlgasse maturiert. Ab 1920 erhielt die Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht staatliche Subventionen und die angestellten Lehrerinnen wurden sukzessive in den Bundesdienst übernommen.


Aufgrund des hohen Stellenwerts von Bildung in jüdischen Familien und aufgrund der Tatsache, dass der „Verein für erweiterte Frauenbildung“ überkonfessionell war, war der Anteil an im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie als „jüdisch“ eingestuften Schülerinnen der Rahlgasse von Anfang an hoch. Der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich im März 1938 und die darauf einsetzenden Maßnahmen zur systematischen Ausgrenzung, Vertreibung und schließlich Vernichtung der jüdischen Schülerinnen und Professorinnen traf deshalb die Rahlgasse besonders hart. Ein Fünftel der insgesamt 514 Schülerinnen wurden im Schulkatalog unter der Rubrik „Religionsbekenntnis“ als „mosaisch“ geführt, die Rassengesetze der Nationalsozialisten betrafen aber auch jene Schülerinnen jüdischer Herkunft, deren Eltern bzw. Großeltern zum Christentum übergetreten waren. Am 19. März 1938 wurde die damalige Direktorin und Altphilologin Gertrud Herzog-Hauser ihres Amtes enthoben. Sie emigrierte zusammen mit ihrem Mann Carry Hauser und ihrem Sohn Heinz. Am 25. März gab das Unterrichtsministerium einen Erlass heraus, der die Grußformel in der Schule („Heil Hitler!“) und die dabei einzunehmende Körperhaltung (Erheben des rechten Armes) mit sofortiger Wirkung regelte. Die damals 13-jährige Schülerin Erika Weinzierl, geb. Fischer schilderte in einem Interview 2004 die Ereignisse nach dem „Anschluss“:

„Die Hälfte der Klasse waren Jüdinnen, sie mussten die Schule verlassen. Im Herbst 1938 sind dann Mädchen von den aufgelassenen Klosterschulen, so genannte Mischlinge in unsere Klasse gekommen. (…) Sie wurden in die letzte Bank gesetzt und es wurde uns gesagt, wir dürfen nicht mit ihnen reden. Sie durften auch nicht mit auf den Skikurs. Und dann hat die eine geweint. Und da bin ich aufgestanden und nach hinten gegangen und hab´ sie gefragt, ob sie einen Bleistift braucht. Die Direktorin hat sie aber dann in der fünften Klasse vertrieben. Sie hat das nicht ausgehalten, ´Mischlinge´ an der Schule zu haben, und sie haben dann in der Albertgasse ganz normal maturieren können. Bin mit ihnen das ganze Leben in Kontakt geblieben.“

Erika Weinzierl schloss sich später dem Widerstand an und trug als Historikerin wesentlich zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Österreich bei.


In den Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs mussten etwa 100 jüdische oder als „jüdisch versippt“ geltende Schülerinnen die Rahlgasse verlassen. 1938 wurde der „Verein für erweiterte Frauenbildung“ aufgelöst, die Schule verstaatlicht und in eine Frauenoberschule umgewandelt. Als neue Erziehungs- und Bildungsaufgabe galt nun die „Formung des nationalsozialistischen Menschen“, der sich durch Kameradschaftlichkeit und der Fähigkeit zur Unterordnung auszeichnete. Die als natürlich angenommene unterschiedliche „Wesensbestimmung“ der Geschlechter ergab, dass der „soldatische Mann“ Ideal der männlichen, die „mütterliche Frau“ das Vorbild für die weibliche Jugend sein sollte. Deklariertes Ziel der Mädchenbildung im Nationalsozialismus war deshalb – „Rassenreinheit“ und „Erbgesundheit“ vorausgesetzt – die Mutterschaft. Koedukation wurde sowohl in der Schule als auch in den staatlichen Jugendorganisationen abgelehnt. Da die Nationalsozialisten Elternhaus und Schule als Haupterziehungsinstitutionen misstrauten, organisierten sie innerhalb der „Hitler-Jugend“ (HJ) und des „Bundes deutscher Mädel“ (BDM), bei denen die Mitgliedschaft ab März 1939 verpflichtend wurde, Heimabende und verschiedene sportliche Freizeitaktivitäten.

Die wettkampfmäßige Organisation dieser Jugendarbeit kam dem jugendlichen Bedürfnis, die eigenen Kräfte zu messen, entgegen und trug gleichzeitig zur Verinnerlichung des Prinzips des Vorrechts des Stärkeren bei. Der Schulalltag war durch Gedenktage, Feierstunden, Filmveranstaltungen und Radiohörstunden, Ausstellungen und Wettbewerbe und Parolen gekennzeichnet. In den Lehrplänen stand „Leibeserziehung“ im Vordergrund, in Biologie, Geschichte und Erdkunde wurde die nationalsozialistische Rassen- und Erblehre eingeführt, der Religionsunterricht wurde zum Freigegenstand.
1943 wurde die Rahlgasse als Wehrmachtsnächtigungsheim genutzt und in den Klassensälen Stockbetten aufgestellt, um die am Westbahnhof ankommenden Soldaten vorübergehend einzuquartieren. Die Schülerinnen der Oberstufe wurden in das Mädchenrealgymnasium in der Hainzingergasse (18. Bezirk), später in das Schottengymnasium (1. Bezirk) verlegt. Durch die zunehmenden Bombardierungen konnte der Unterricht nur eingeschränkt stattfinden.

Da die Versorgungslage in Wien immer schwieriger und durch die beginnenden Bombardierungen gefährlich wurde, entschloss sich die Schulleitung, vier Klassen der Unterstufe im Rahmen einer NSDAP-Kinderlandverschickung nach Prein an der Rax (Niederösterreich) zu evakuieren. Die 10–14jährigen Mädchen wurden in Mehrbettzimmern in Pensionen untergebracht und dort bis Kriegsende von sieben Lehrerinnen ihrer Schule unterrichtet und betreut. In Wien gelang es der Professorin Maria Jacot kurz nach Kriegsende im Mai 1945 mit Hilfe des Schulwarts, von Kolleginnen und ehemaligen Schülerinnen, das Wehrmachtsnächtigungsheim zu räumen und das Gebäude wieder seinem ursprünglichen Zweck zuzuführen. Kurz darauf wurde Maria Jacot zur provisorischen Leiterin der Schule ernannt. Im Herbst 1945 konnte der Unterricht in der Rahlgasse wieder aufgenommen werden.


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„Linzer Appell“:
Der „Linzer Appell“ wurde vom gesamtösterreichischen Friedensplenum in Linz am 19. 12. 1982 verabschiedet und richtete sich gegen die Durchführung des NATO-Nachrüstungsbeschlusses. Der „Linzer Appell“ forderte die österreichische Regierung auf, sich gegen die Stationierung von US-amerikanischen Mittelstreckenraketen in Europa auszusprechen. Der genaue Wortlaut des Appells war: „Ich appelliere an die österreichische Bundesregierung, sich gegen die Stationierung von Pershing-II-Atomwaffen und Cruise Missiles in Europa auszusprechen und gemeinsam mit anderen Staaten konkrete und wirksame Maßnahmen zur Verhinderung der Stationierung als ersten Schritt für ein atomwaffenfreies Europa zu treffen.“ Für Konfliktpotential innerhalb der Friedensbewegung sorgte der Linzer Appell, weil er sich nur gegen die US-amerikanischen Raketen richtete. Die sowjetischen Raketen, deren Aufstellung der Anlass für den Nachrüstungs-Beschluss der NATO galten, wurden im Linzer Appell nicht erwähnt.


„Appell der österreichischen Bischöfe“:
Im April 1983 bezogen die österreichischen Bischöfe mit einem Appell Stellung zu einem weltpolitischen Problem und forderten die Politiker von Ost und West auf, die Massenvernichtungswaffen abzuschaffen, auf Mittelstreckenraketen zu verzichten und einen Rüstungsabbau bei konventionellen Waffen im europäischen Raum zu vereinbaren. Dieser Appell wurde von 140.000 Menschen in Österreich unterschrieben.
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