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Interview mit Inge S. am 13. Oktober 2022 im Kreisky-Archiv. Das Interview wurde anonymisiert und gekürzt.
Transkript Maria Steiner.

Inge S. meldete sich nach dem Interviewaufruf am 30.9.2022 per mail:

„Auch ich hatte einen Schwangerschaftsabbruch 1969 oder 1970. Damals war er noch unter Strafe gestellt. Der Abbruch wurde in einer Privatklinik im neunten Bezirk vorgenommen und kostete sehr viel. Die Nachbetreuung erfolgte in einer Ordination in der Nähe des Matzleindorfer Platzes. Gewissensbisse? Nein. Eine Frau handelt aus einer Notlage heraus. Ich wurde 1942 geboren, war kurzfristig verheiratet, Alleinerzieherin (war sehr hart) und als OP-Schwester tätig. Während meiner Krankenpflegeausbildung (1965–1968) hatte auch eine Schulkollegin im 2. oder 3. Jahrgang eine Abtreibung durch ihre Freundin vornehmen lassen. Diese führte ihr einen Katheter durch den äußeren Muttermund über den Gebärmutterhalskanal in die Gebärmutterhöhle ein und brachte dadurch eine Flüssigkeit in die Gebärmutter ein (Spülung). Dadurch kam es zum Abgang des Embryos. Durch diese unsachgemäße Abtreibung bekam das junge Mädchen hohes Fieber, wie ihr weiterer Lebensweg verlaufen ist, weiß ich nicht. Auch meine Zimmerkollegin wurde schwanger und wollte abtreiben. Das kam jedoch der Hausschwester zu Ohren und diese tratschte es weiter der Oberin. Und so brachte meine Mitschülerin in Mädchen auf die Welt. In der Krankenpflegeschule durfte sie die Ausbildung zur diplomierten Krankenschwester weiter machen. Es gab aber auch Krankenpflegeschulen, in denen die Schülerinnen die Ausbildung abbrechen mussten. Das Kind kam etwas zu früh auf die Welt – die Gefahren des Rauchens waren uns unbekannt- und verbrachte die ersten Lebenstage im Krankenhaus. Als der Säugling entlassen wurde, hatten wir in unserem Internatszimmer ein Babybettchen und die Hausschwester kümmerte sich kurzfristig während des Unterrichtes um das kleine Mädchen. Meine Zimmerkollegin hatte das Glück, dass ihre Mutter das Kind aufzog. Auch meine Stiefmutter führte eine Abtreibung (1950er-Jahre) durch, indem sie heiße Sitzbäder machte. Nach einiger Zeit kam es zu Blutungen und das Kind ging ab. Kürettiert wurde sie in einem Krankenhaus. Ich glaube es war das AKH. Wie viele Spitäler in Wien Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt haben, weiß ich nicht mehr. Als damals die Fristenlösung eingeführt wurde, konnten Schwestern und Ärzte im Krankenhaus die Mitarbeit beim Schwangerschaftsabbruch verweigern. Aber es hat doch welche gegeben, die den Frauen geholfen und den Abbruch vorgenommen bzw. assistiert haben.“ Das Interview wurde anonymisiert und gekürzt.

Steiner

Ich möchte kurz noch das Projekt vorstellen. 2025 wird es 50 Jahre her sein, dass in Österreich die Fristenlösung eingeführt wurde und dazu suchen wir Menschen, die uns erzählen, wie es vor 1975 war. Uns interessiert dabei alles, was mit dem Schwangerschaftsabbruch vor 1975 in Zusammenhang steht. Wie haben Sie diese Zeit erlebt, woher waren die Informationsquellen?

Inge S.

Ja, die müssen unter den Schülerinnen gewesen sein. Da sind ja auch welche schwanger geworden und haben das Kind auf die Welt gebracht, beziehungsweise wollten unterbrechen und das ist nicht gegangen, und das waren die Informationsquellen. Genau weiß ich es nicht mehr, aber das müssen die Informationsquellen gewesen sein.

Steiner

Und das war die Krankenschwesternschule?

Inge S.

Ja, die Krankenpflegeschule in der Knöllgasse.

Steiner

Sie haben geschrieben, Sie sind 1942 in Wien geboren, wie alt waren Sie, als Sie in die Krankenpflegeschule gekommen sind?

Inge S.

Ich hab sehr spät angefangen, 1965, ich hab zuerst eine Lehre begonnen, aber das hat mich nicht interessiert, gezielte Pläne hab ich nicht gehabt, dann bin ich nach England und habe vier Monate in einem Krankenhaus gearbeitet. Und nachher bin ich wieder nach Wien zurück und habe mit der Krankenpflegeschule begonnen, ich bin diplomierte Krankenschwester. Ich habe in der Rudolfstiftung gearbeitet, wie ich dann das Kind bekommen habe, im Kaiser Franz Josefspital, da war ein Kindergartenplatz frei, da bin ich dort hingegangen, das ist auch damals neu eröffnet, neu aufgemacht worden und dann wieder zurück ins Kaiser Franz Josef Spital, weil dort mehr Stunden waren, man hat ja reduziert auf 40 Stunden.

Steiner

Reduziert auf 40 Stunden?

Inge S.

Ja, man hat ja 48 Stunden gehabt und das ist dann reduziert worden auf 40 und das ist ein enormer finanzieller Verlust gewesen, ich bin dann wieder zurück weil ich war Alleinerzieherin, also ich war nicht lange mit dem Menschen zusammen, mit dem ich verheiratet war und - ja. Ich habe eineinhalb Jahre mit ihm zusammengelebt, aber dann kam der Alltag mit dem Kind und das war ein Graus, das war psychisch sehr belastend. Ich war nur mehr da für Haushalt und Beruf für einen Mann, der von seiner Mutter sehr verwöhnt worden ist, fürchterlich. Und dann kam die Scheidung, das war auch nicht einfach, ich war froh, dass ich ihn los war, hatte aber finanzielle große Einbußen.

Steiner

Aber darf ich Sie jetzt fragen zeitlich, Ist die Scheidung vor dem Abbruch gewesen oder nach dem Abbruch?

Inge S.

Also meine Tochter ist im Juli 1969 auf die Welt gekommen und im November war ich wieder schwanger. Ich war schon verheiratet, aber es hat schon zu kriseln begonnen in der Ehe.

Steiner

Waren Sie dann in Karenz?

Inge S.

Ein Jahr war Karenz. Da muss das dann gewesen sein, dass der Abbruch…kurz nach der Geburt bin ich wieder schwanger geworden.

Steiner

Darf ich fragen: Wie waren Ihre Lebensumstände damals? Wie sind Sie zu dem Entschluss gekommen?

Inge S.

Das war das Verhalten von ihm, seine abwertenden Bemerkungen über das Kind. Und ich hab nie Geld gehabt, ich hab mein Gehalt auf das Konto gegeben und das ist weggegangen für seine Hobbies, seine Bücher. Die Wohnung hat ihm gehört und war sehr klein. Nach einem Jahr Karenz bin ich wieder arbeiten gegangen, ich bin um 5 Uhr aufgestanden, habe ihm das Essen gemacht, das Kind auf den Topf gesetzt und dann in den Kindergarten beim Rudolfspital. Ein zweites Kind wäre einfach zuviel gewesen.

Steiner

Ich nehme an, dass Sie ein bisschen mehr medizinisches Wissen hatten als andere, durch wen haben Sie von der Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs erfahren?

Inge S.

Ich weiß nicht mehr, durch wen ich das erfahren hab, es war am Matzleinsdorferplatz. Mein Mann wollte kein zweites Kind und hat mir das Geld gegeben, das waren 5.000 Schilling damals. Das war ein Krankenkassenarzt, der hat in einer Privatklinik die Abtreibung vorgenommen. Ich weiß nicht mehr, ob ich das Kuvert [mit dem Geld] unten beim Portier abgegeben habe oder ob ich ihm das selber gegeben habe.

Steiner

Und haben Sie sich da mit ihrem richtigen Namen vorgestellt?

Inge S.

Das weiß ich nicht, aber man kann ja als Diagnose irgendwas hinschreiben, zur Kürettage, man kann ja schreiben „Myom“ oder „starke Blutungen“ oder irgendwas.

Steiner

Der hat also irgendwas hingeschrieben, der Arzt.

Inge S.

Ja.

Steiner

Und haben Sie eine Vollnarkose gehabt?

Inge S.

Vollnarkose, ja. Natürlich hatte ich Angst, ja.

Steiner

Vor was hatten Sie am meisten Angst?

Inge S.

Dass das aufkommt. Es war nämlich auch noch, in diesem Spital hat eine Kollegin auch noch gearbeitet, die hat dort nebenbei dazuverdient. Und die hab ich dort gesehen. Aber irgendwie dürfte [der Arzt] irgendeine andere Diagnose dort hingeschrieben haben, weil sonst geht das nicht, ja?

Steiner

Mhm.

Inge S.

Ich war überrascht, dass ich die Kollegin dort gesehen habe. Man konnte sich dort etwas dazuverdienen als Krankenschwester.

Steiner

Und die Abtreibung selber?

Inge S.

Das war nicht schmerzhaft. Nein, es war nur bei den Nachuntersuchungen, da wurde dann eine Konisation vorgenommen, da war irgendwas beim Muttermund, da ist etwas nicht ganz verheilt, das war aber dann in der Ordination. Ja. Es war komplikationslos, keine Schwierigkeiten. Ich weiß, dass es manchmal Schwierigkeiten gegeben hat und ich bin froh, dass das nicht aufgekommen ist, aber es war komplikationslos.

Steiner

Was können Sie mir erzählen zur gesellschaftlichen Stimmung damals? Gab es Anfang der 1970er Jahre hinsichtlich der Fristenlösung einen neuen Wind damals?

Inge S.

Neuen Wind? Aber ich war verheiratet, ich war gefangen! Ich bin ausgezogen und 1971 war dann die Scheidung. Die Scheidung hat mir dann die Freiheit gegeben. Dann war ich Alleinerzieherin. Das war hart. 1974 habe ich dann ein Auto gekauft, dann konnten wir endlich einmal wegfahren auf Urlaub. Meine Mutter ist früh gestorben und meine Stiefmutter hat das Kind nicht genommen. Ich musste dann einen Tagposten annehmen, von 7:30 bis 15:30 und danach das Kind vom Kindergarten abholen. Durch den Tagposten fielen die Zulagen weg, das war hart. Mir wäre der Nachtdienst lieber gewesen. Meine Tochter war dann auch ein Schlüsselkind, sie ist allein in die Schule gegangen und in den Hort. Das ist nicht so gut wie heute, damals sind sie dort wirklich nur aufbewahrt worden…es ist gut ausgegangen, aber das Leben hätte besser laufen können.

Steiner

Jetzt möchte ich noch nachfragen, weil Sie auch über ihre Stiefmutter in den 1950er Jahren geschrieben haben.

Inge S.

Na, ich hab das erlebt, dass meine Stiefmutter schwanger war und eine Bekannte hat zu ihr gesagt: “Nimm heiße Sitzbäder, schau dass das abgeht.“

Steiner

Das wurde offen besprochen?

Inge S.

Das wurde besprochen dort, ja. Weil ich hab sie ja gesehen wie sie da gesessen ist in der Badewanne. Und mein Vater hatte ja auch ein uneheliches Kind, nicht? Das muss in den 1950er Jahren gewesen sein, ich war so 13, 14 Jahre alt. Es wurde gesagt wir können uns das finanziell nicht leisten. Ich weiß unter den Frauen hat es diese Geheimnisse gegeben, man musste nur achten, dass das nicht an die falsche gerät, dass die das weitergegeben hat.

Steiner

Und wie konnte man das wissen?

Inge S.

Das war sicher Glücksache, ob man verraten wird. Könnte auch sein das Milieu. Ich glaube schon, dass die Frauen zusammengehalten haben, dass auch in anderen Schichten die Abtreibung war, nur ist halt die Gefahr…das war ja auch ein Druckmittel gegenüber der Frau, die der Ehemann ausprobiert hat: „Wenn du abtreibst, kommst ins Gefängnis.“ Ich bin sicher, dass das ein Druckmittel war. Es war eine Gratwanderung für jede Frau. Und es war ja auch so, ich habe die Pille nicht vertragen, ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen bekommen. Und eine Kollegin hat die Pille genommen und ist an einer Thrombose gestorben, die hat zwei kleine Kinder gehabt.

Steiner

Was war die größte Angst?

Inge S.

Ich hatte Angst, meine Sexualität auszuleben, das Risiko war einfach zu groß, nicht nur dass ich schwanger werde, auch dass ich krank werde. das habe ich ja auch nicht gewusst, was es da alles für Geschlechtskrankheiten gab, das war ja die Hippie-Zeit. Es ist dann schwer gewesen, wieder eine Bindung einzugehen…und ich hatte auch Angst, wieder eingeengt zu werden.

Steiner

Kommen wir zum jetzt Fragenkatalog. Kannten Sie Leute, die damals einen Schwangerschaftsabbruch durchführen ließen?

Inge S.

Meine Stiefmutter hat das damals mit heißem Wasser gemacht…es war ja geheim, nein. Man hat dann nur gehört: „Da ist ein Mädchen gestorben, weil sie einen Eingriff hat durchführen hat lassen.“ Das war in der Siedlung, das war nicht so selten. Ich möcht nicht wissen, was die Frauen alles gemacht haben, damit sie keine Kinder bekommen. Manche haben Seifenlösung eingespritzt, was ich Ihnen geschrieben habe, die Kollegin hat 40 Grad Fieber bekommen. Aber was aus ihr geworden ist, das weiß ich nicht. Es ist da nicht viel darüber gesprochen worden. Es war auch die Angst, nach einem Abbruch keine Kinder mehr bekommen zu können, das hab ich gewusst. Aber das war mir egal damals. Und es war bei mir noch etwas, man hat mir nach dem ersten Kind gesagt, dass ich beim zweiten Kind Diabetes bekommen könnte und das war auch ein Grund. Und vor allen Dingen: Mit einem Kind kann man sich leichter trennen als mit zwei Kindern.

Steiner

Vielen Dank für das Gespräch!